Spastik
Spastik ist ein häufiges Syndrom bei zentralen Schädigungen des Großhirns sowie der herabsteigenden Fasersysteme. Häufige Erkrankungen, die mit Spastik einhergehen, sind die Multiple Sklerose, der Schlaganfall, Schädel-Hirn-Traumen, hypoxische Hirnschädigungen und Rückenmarksläsionen.
Spastik: Diagnostik
Vor
der symptomatischen Behandlung der Spastik muss sorgfältig nach möglichen Auslösern
gesucht werden, um die kausalen Behandlungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Da
Spastik nach akuten Läsionen des zentralen Nervensystems in der Regel erst mit
einer Latenz von Wochen bis Monaten auftritt, sind zurückliegende Ereignisse
wie Unfälle oder Operationen, aber auch Lagerungen und Behandlungsmaßnahmen in
der Akutphase der Erkrankung sorgfältig zu eruieren.
Im
Rahmen einer eingehenden klinisch neurologischen Untersuchung muss die exakte
Verteilung der Spastik festgestellt werden, um die Lokalisationen der zentralen
Schädigung einzuordnen. Oft sind – vor allem bei Unfallopfern – durch
begleitende Verletzungen und Veränderungen an Gelenken auch Untersuchungen
durch traumatologisch und in der Neurorehabilitation erfahrene Orthopäden nötig.
Die häufig auftretenden spastischen Syndrome werden in unserer Klinik durch
besonders geschulte Mitarbeiter von Ärzten sowie Physiotherapeuten im Rahmen
eines Motorik-Teams untersucht. Hierbei erfolgt die Festlegung von
diagnostischen Maßnahmen (z.B. kinematisches EMG oder Motorpoint-Blockade).
1. Konservative
Therapieformen bei Spastik Nach ärztlicher Anweisung durchgeführte Lagerungsmaßnahmen – meistens im Alltag von speziell geschulten Pflegekräften durchgeführt – stellen einen Grundpfeiler der Behandlung der Spastik dar. Jedes spastische Syndrom erfordert die Anwendung einer spezialisierten physiotherapeutischen Behandlung. Ziel der Physiotherapie bei Spastik ist die Vermeidung von Muskel-, Sehnen- und Gelenkkontrakturen einerseits und das Training verbliebener motorischer Funktionen andererseits. Während bei immobilen Patienten die Kontrakturprophylaxe, das Vermeiden hygienischer Probleme und die Linderung von Schmerzen im Vordergrund steht, ist die funktionserhaltende Physiotherapie bei mobilen Patienten primäres Ziel der Behandlung.
In
der Klinik Westend werden unterschiedliche Behandlungstechniken (z.B. nach
Bobath) durchgeführt. Die physiotherapeutische Behandlung hat das Ziel,
Kontrakturen zu verhindern, die Durchblutung zu verbessern und Decubitalgeschwüre
durch Immobiltät zu vermeiden und schließlich die posturale Kontrolle
(Mobilisierung in eine stabile Sitz- oder Standposition) zu verbessern. In
unterschiedlichen Ausgangspositionen wird versucht, trotz der Spastik möglichst
das gesamte vorhandene aktive Bewegungspotential des Patienten für wiederholt
durchzuführende (repetitive) Bewegungen zu nutzen. Bei Fortschritten in der
Therapie der Spastik, die sich in flüssigeren passiven und aktiven Bewegungen
aber auch besserer motorischer Kontrolle im Gegenstandsgebrauch (Hantieren mit
Gegenständen, Einsatz des durch Spastik beeinträchtigten Arms bei der Körperpflege
etc.) zeigt, kann die zunehmende Integration der neu erworbenen Fähigkeiten in
den Alltag das Behandlungsergebnis der Physiotherapie und Ergotherapie festigen.
Besonders
wichtig ist für Patienten mit Spastik das Erreichen basaler Bewegungsmöglichkeiten
wie Transfer vom Bett auf einen Stuhl oder Rollstuhl. Die Gehfähigkeit
erreichen viele Patienten wegen der ausgeprägten Spastik erst durch den Einsatz
spezieller Trainingsmöglichkeiten wie den Gangtrainer, in dem mit teilweiser
Abnahme des Körpergewichts durch ein Gurtsystem automatisierte Schrittfolgen möglich
gemacht werden. Mit dem Gangtrainer oder auch mit einem speziell für
neurologisch Kranke gebauten Laufband (Laufbandtherapie, LBT) kann trotz der
Spastik ein nahezu normaler Gangzyklus mit Belastungsphasen, Abrollen,
Schwungphase etc. durchlaufen werden. Die neueren wissenschaftlichen Arbeiten
zur Rehabilitation sensomotorischer Störungen nach Hirnschädigung belegen die
große Bedeutung repetitiver (vielfach wiederholter gleichförmiger)
Bewegungsabläufe, um möglichst umfassend das Gehirn zu
Reparaturprozessen anzuregen. Nach solchen Trainingsphasen an Geräten wird das
neu erlernte automatisierte Gehen in Alltagsabläufe übertragen. Der Einsatz
von Hilfsmitteln (wie z.B. Orthesen, Rollator) oder funktionelle
Elektrostimulation (z.B. bei Fußheberschwäche) unterstützen die noch durch
die Spastik beeinträchtigte Motorik. 2.
Invasive Therapieformen bei Spastik
Grundsätzlich
kann hinsichtlich der möglichen anzubietenden Behandlung zwischen der Therapie
der fokalen Spastik (diese Spastik
ist auf einen Krankheitsherd zurückzuführen) und der generalisierten
Spastik unterschieden werden. Die Behandlung der generalisierten Spastik basiert
auf dem Einsatz einer Reihe von antispastisch wirksamen Medikamenten, die als
Tabletten eingenommen werden. Leider ist
bei schweren Formen der Spastik die Wirkung der Medikamente sehr begrenzt.
Bei
generalisierter Spastik wird deshalb neben der differenzierten
Tablettenbehandlung eine spezielle Form der Medikamentenbehandlung mit dem
Antispastikum Baclofen eingesetzt: die intrathekale Baclofentherapie.
Dabei wird durch einen dünnen Kunststoffkatheter direkt das Medikament
in den Wirbelkanal an das Rückenmark herangebracht. Eine unter der Bauchdecke
implantierte Pumpe, die sich von außen steuern lässt, fördert über viele
Wochen die nötige Medikamentenmenge. Insbesondere bei der beinbetonten Spastik
können somit in schweren Fällen zumindest eine ausreichende Sitzmobilisierung,
weniger Schmerzen, in anderen Fällen aber auch die Gehfähigkeit und volle
Mobilität erreicht werden.
Eine
weitere interessante Methode speziell zur Behandlung der fokalen Spastik
stellt das sehr dosiert und gezielt eingesetzte Nervengift Botulinum-Toxin dar,
dass gezielt die Übertragung von Nervenimpulsen auf die Muskulatur für einen
Zeitraum von etwa drei Monaten lähmt. Einsatzgebiet dieser Methode sind häufig
der die Mobilisation erheblich beeinträchtigende spastische Spitzfuß sowie die
die Armbeweglichkeit beeinträchtigende Flexionsspastik im Ellenbogen- sowie
Handgelenk. Zuweilen führt die Spastik der Beugemuskeln der Finger zu einer für
den betroffenen Patienten unvermeidbaren Tendenz bei anstrengenden Bewegungsabläufen
eine Faust zu ballen, die sich dann nur schwer passiv öffnen lässt. Daraus
resultieren Probleme wie Hautmazerationen durch die Feuchtigkeit und
Hygieneprobleme in der geschlossenen Hand.
In
der Klinik Westend werden vor dem gezielten Spritzen von Botulinum-Toxin zunächst
neurophysiologische Untersuchungen mit dem EMG (Elektromyographie) durchgeführt.
Z.T. wird probeweise ein Lokalanästhetikum eingesetzt, das die Wirkung der
Therapie mit Botulinum-Toxin für einige Stunden imitieren kann. So kann der
erwartete Effekt im Alltag ansatzweise erprobt werden.
Ebenfalls
unter Kontrolle des Elektromyogramms und der selektiven Stimulation der Muskeln
wird dann Botulinum-Toxin an exakter Stelle in die entsprechenden Muskel
verabreicht; so wird eine Detonisierung (Entspannung) bestimmter durch Spastik
überaktiver Muskelgruppen erreicht und schließlich Handlungsabläufe im Alltag
nach weiterer Physiotherapie und Ergotherapie ermöglicht. So kann ein Fuß nach
wiederhergestelltem geraden Auftritt dann wieder besser für das Gehen
eingesetzt werden, eine geöffnete Hand und ein im Ellenbogen- sowie
Handgrundgelenk beweglicher Arm kann wieder zum Greifen benutzt werden. Auch viele Monate oder sogar
Jahre nach der erlittenen Hirnschädigung können Patienten mit Spastik durch
die genannten Methoden sinnvoll behandelt werden.
Dr.
med. Hansal
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